Balkonsolar mit Speicher?

Für mich kommt keine Balkonsolaranlage in Betracht, weil ich schon eine 10kWp-Anlage seit 2014 betreibe (Siehe auch PRTG-Solar und Solarbatteriespeicher). Aber Spam-Werbung  bekommt man natürlich auch. Ich habe mir daher eine der Kalkulationen für "Balkonsolar-Anlagen" angeschaut, die in meinem Spampostfach gelandet ist.

Es geht hier nicht darum eine einzelne Firma an den Pranger zu stellen. Ich bin sicher, dass es viele solche Angebote gibt. Dies ist nur ein konkretes Beispiel und wenn Sie anderer Meinung sind, dann schreiben Sie etwas auf ihrem eigenen Blog.

Werbung Teil 1

Hier ein Auszug aus einer solchen Mail mit dem Versprechen "bis zu" 590€/Jahr zu sparen und damit den Batteriespeicher schnell zu amortisieren:


Quelle: Werbemail an eines meiner Postfächer, Screencapture und Größe unverändert

Der Batteriespeicher SunLit BK215 mit 2150Wh soll laut Globus ca. 1600€ kosten und würde sich dann in 2,9 Jahren amortisieren. Das klingt zu schön um wahr zu sein.

Eigene Rechnung

Wir sollten dabei natürlich daran denken, dass eine Balkonsolaranlage aktuell 600W Peak leisten darf und zukünftig vielleicht 800W. Da interessiert natürlich die pro Jahr mögliche Energiemenge, für die es Erfahrungswerte gibt.

In Deutschland liegt der Stromertrag ungefähr bei 800-1.200 kWh pro Jahr und pro installiertem kWp.
Quelle: https://www.eon.de/de/pk/solar/kwp-bedeutung-umrechnung.html

Die individuelle Leistung hängt natürlich auch von der Ausrichtung zu Sonne und dem Standort (Breitengrad) ab. Aber nehmen wir einmal 800W an und gehen von optimistischen ca. 800kWh/Jahr aus, was im Mittel ca. 2,2kW/Tag bedeutet. Im Sommer wird es sicher mehr sein und im Winter weniger. Meine 10kWp schafft an sehr sonnigen Tagen auch mal 50-60kWh. eine 800W Balkonanlage dürfte daher bei ca. 4kWh maximal sein.

Ich habe Zugriff auf eine Balkonsolaranlage mit 800Wp Zellen an einem 600Wp Wechselrichter. Montageort ist bei Breitengraf 49 mit Südlage und etwas steilerem Anstellwinkel von ca. 70Grad Damit liefert die Anlage bei tiefstehender Sonne etwas mehr Energie aber lässt im Sommer. Im Jahr 2023 wurden folgende monatlichen Werte erreicht:

Es sind also etwas weniger als die 600kWh. Leider gibt es keinen Differenzzähler, so dass die Eigenverbrauchsquote nicht wirklich gemessen werden kann. Ich warte einfach mal auf den neuen Jahresverbrauch im Vergleich zu 2022. Die Anlage wird sich vermutlich aber schneller rentieren als die 10kWp auf meinem eigenen Dach.

Interessanter ist die Energiemenge pro Tag im Juli und im Dezember, da sie für eine Schätzung zum Batterieeinsatz aussagekräftiger ist:


Quelle: 800W/600W Balkonsolaranlage, auf die ich Zugriff hatte.

Im Dezember wird es sehr schwer selbst eine kleine 2,15k Batterie aufzuladen, da vermutlich jede kWh schon direkt verbraucht wird. Selbst im Hochsommer liefern die 600Wp selten mehr als 3kWh/Tag. Bei einem angenommenen Jahresverbauch von 4700kWh (= 12kWh/24h) dürfte selbst hier ein großer Anteil direkt verbraucht werden. Eine 2,15kWh-Batterie dürfte für eine 600Wp-Anlage deutlich überdimensioniert sein. Aber der Anbieter geht ja von einer 1640Wp-Anlage aus. Da dürfte dann schon etwas mehr "übrig" sein denn in die Batterie nur der Strom eingespeichert wird ,der nicht gleich selbst verbraucht wird. Idealerweise wird in der Nacht der Speicher geleert.

Sie können sich nun selbst überlegen, wie sinnvoll bei einer kleinen Anlage noch mehr Batteriekapazität sein könnte.

Gehen wir davon aus, dass die 2,15kW Batterie komplett nutzbar ist und hier nicht der Brutto-Wert angegeben ist und die Batterie nur zwischen 20-80% genutzt wird. Wenn Sie an 365 Tagen tagsüber vollgeladen werden könnte und sich nachts komplett leert, dann erspart sich der Besitzer den Zukauf von 2kWh. Bei einem aktuell zu hoch angesetzten Preis von 40ct sparen wir also 80ct/Tag, was eine Einsparung von 292€/Jahr bedeuten würde. In der Zeit darf natürlich nichts kaputt gehen, die Kapazität nicht abnehmen und jeden Tag auch 2kW mehr erzeugt wird, als der Haushalt verbraucht. Schon am Diagramm sehen Sie, dass dies in der dunklen Jahreshälfte so nicht eintreten wird.

Anbieterrechnung

Wenn Sie das Bild mit den "bis zu 590€" gesehen haben, dann gibt es ein "Sternchen" am Ende des Satzes. Der dazu passende und deutlich kleiner abgedruckte Text ist am Ende der Mail angehängt und erläutert die Kostenrechnung:


Quelle: Werbemail an eines meiner Postfächer, Screencapture und Größe unverändert.

Auch hier wird mit dem 2,15kWh-Speicher gerechnet, der aber abweichend von einer 1640Wp Solaranlage bedient wird. Damit dürfte generell mehr Übermenge zum Einspeichern in die Batterie möglich und die Batterie auch im Herbst und Frühjahr besser nutzbar sein. Allerdings wird natürlich verschwiegen, dass Sie eine Anlage mit mehr als 600W/800W nicht mehr als Balkonanlage betreiben dürfen. Da muss dann ein Elektriker ran.

Der angenommenen 4700kWh/Jahresverbrauch sind für eine 4-köpfige Familie realistisch. Leider wird aber die 90% Eigenverbrauchsquote nicht weiter erklärt. Die folgende Rechnung wird also etwas ungenau da wir nicht berücksichtigen können, wen die Batterie auch tagsüber bei wechselndem Licht Energie speicher und liefert.

Wenn ich jede Nacht 2kWh aus der Batterie beziehe, dann komme ich in 365 Nächten auf maximal 730kWh Einsparung, die ich nicht für hoch angesetzte 40ct einkaufen muss. Ich zahle im Jan 2024 33ct/kWh. Bei 730kWh *0,40€ ergeben nach meiner Rechnung maximal 292€/Jahr an zusätzlicher Einsparung durch die Batterie, was irgendwie nicht mal ansatzweise an die versprochenen 590,40€ kommt.

Der zweite Fallstrick ist, dass die versprochenen 590€ Einsparungen als "zusätzlich" angegeben werden aber die Rechnung auch den Direktverbraucht beinhaltet. Der Anbieter nimmt einfach die Leistung der Solarpanels mit 1640kWp und setzt den Ertrag auf 1640kWh/Jahr an, der dann mit 90% und 0,40ct multipliziert die theoretische Gesamteinsparung bei 90% Eigenverbrauchsquote beworben. Dann darf ich aber nicht nur den Kaufpreis des SunLit BK215 dagegensetzen, sondern muss die Gesamtkosten für die 1640Whp-Anlage ebenfalls dazurechnen.

Bewertung

Wie so oft gilt, das die Werbung gerne den Vorteil herausstellt aber die Zahlen nur bedingt belastbar sind. Das haben wir schon bei Hybrid-Fahrzeugen gesehen, die mit unerreichbaren 1,6L/100km angegeben werden und damit den Flottenverbrauch der Hersteller schönrechnen. Wenn Sie aber so ein Fahrzeug wirklich bewusst elektrisch bewegen, dann kann die Batterie schon nach wenigen Jahren (Siehe BMW 225xe Erfahrungsbericht) defekt sein.

Bei Batteriespeichern scheint es mir ähnlich zu sein. Überall Werbung mit großen Versprechen zu Einsparungen, um die doch happigen Preise zu argumentieren. Ob solche Werbung etwas für die Verbraucherzentrale ist, werde ich nicht bewerten. Rechnen Sie nur genau durch, ob sich ein Batteriespeicher wirklich rentiert und die Aussagen stimmig sind. Wer einen Batteriespeicher mit "bis zu 590€Einsparung/Jahr" bewirbt, obwohl der Speicher alleine mit 2,15 kWh und 40ct/kWh auch theoretisch nur 292€ im Jahr einsparen könnte, bewegt sich auf dünnem Eis.

Ich würde mal sagen, dass eine Balkonsolaranlage mit 600/800Wp auf jeden Fall in wenigen Jahren amortisiert und daher lohnend ist. Größere Anlagen passen kaum an den Balkon und solange der Zähler nicht rückwärtslaufen kann, verschenken Sie direkt nicht selbst verbrauchte Energie an den EVU. Eine Batterie könnte als Speicher diese Übermenge aufnehmen und in der Nacht wieder abgeben. Allerdings sind meiner Ansicht nach die Preise pro kW viel zu hoch, dass sich solche Modelle rechnen.

Wenn ich mir die Werte der 800Wp Balkonsolaranlage anschaue, dann könnte Sie an ca. 200 Tagen eine Übermenge von bis zu 1kW in eine Batterie ablegen. Also sparen wir 200kWh/Jahr und bei 40ct/kWh darf die Batterie maximal 80€/kWh kosten. Das wird noch ein langer Weg und besser wäre es, wenn meine überzählige Energie doch im gleichen Ort ein anderer Verbraucher verwendet. Oder ein regelbarer Heizstab einfach die Warmwasserbereitung unterstützt.  Auch Batterien müssen gewartet, recycled, repariert etc. werden. Statt vieler kleiner dezentraler Energiespeicher in Einfamilienhäusern würde ich mir eher lokale Puffer, z.B.: durch Stadtwerke wünschen, die dann auch auf günstigere Preise pro kWh kommen und lastabhängig arbeiten könnten.

Nachtrag: Übermenge in Heizung

 

In der c't 3/2024 Seite 104ff gab es einen Artikel zu "Stromvernichter - Heizstab verwertet Photovoltaiküberschuss", bei dem der Autor seine bislang nicht selbst verbrauchte und für 7ct/kWh eingespeiste kWh lieber über einen Heizstab in Warmwasser umgewandelt hat. Würde die Wärme durch eine Gastherme (ca. 10ct/kWh) oder Ölheizung (ca. 13ct/kWh) bezogen, dann lassen sich da ca. 3/6ct/kWh sparen. Interessant ist dabei auch der Vergleich zu Solarthermie, d.h. "Sonne erwärmt direkt Wasser", die viel später etwas beitrug, während Solarstellen auch bei diffusem Licht schon Strom lieferten. Laut Autor konnte er von Oktober bis Dezember ca. 300kWh so in Wärme wandeln. Die Einsparung gegenüber Öl mit 6ct ergäbe da dann 1800ct = 18€. Hoffentlich kommt im Oktober 2024 noch mal ein Artikel mit einer Jahresabrechnung, Die Investitionskosten mit 850€ Anschaffungskosten allein für den Heizstab zzgl. Installation und anteilige Kosten der Steuerung müssen mittelfristig ja wieder verdient werden. Das Modell wird uninteressanter, je kleiner die Solarfläche ist und damit der Eigenverbrauh schon höher ist und wer eine ältere Solaranlage betreibt und noch 12-13ct/kWh oder mehr bekommt, für den wird es erst interessant, wenn Gas und Öl deutlich ansteigen.

Da aber im Haushalt maximal eine Balkonanlagen mit bis zu 600W angeschlossen werden darf, stelle ich die Frage nach einer Solaranlage, die nicht mit dem 230V-Netz verbunden wird und autark einfach direkt einen Heizstabl bedient. Vielleicht braucht es einen kleinen MPP-Tracker für Gleichstrom (50-200€) und eine 12V Batterie als Buffer und einen 12V Heizstab mit vielleicht 300-600W. Um 1 Liter Wasser um ein Grad zu erwärmen, braucht man ca. 1,16Wh. Ein Warmwasserspeicher mit ca. 500l und Temperaturanhebung von 10 auf 60 Grad sind dann 500*50*1,16 = 29kWh. Das schafft ein Heizstab mit einer 600W Anlage nie aber es geht ja auch nur um die Zuleistung. Wenn 600W im Jahr 600kWh direkt Wärme einspeichern, dann sind das auch 60€ an nicht verbranntem Öl/Gas.

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