Direct Routing - Telefonie mit eigener SIP-Anbindung

Teams soll mittelfristig auch Skype for Business Online ablösen. Da muss natürlich auch die Telefonie unterstützt werden. Seit 12. März 2018 ist es nun öffentlich, dass es einen direkten SIP-Trunk für Teams gegen wird. Vorher konnten Sie mit Teams telefonieren, wenn Sie in einem der Länder wohnen, in denen Microsoft Telefonie-Funktionen bereit stellt. Mit Skype for Business Online mussten Sie für eine eigene PSTN-Verbindung entweder den Skype for Business Hybrid Mode einrichten oder die Skype for Business Cloud Connector Edition (CCE) nutzen. Beide sind natürlich etwas aufwändiger als nur ein SIP-Trunk, der nun bestätigt ist.

Seit 29. Jun 2018 ist Direct Connection nun "General available"
http://aka.ms/dr

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel https://techcommunity.microsoft.com/t5/Microsoft-Teams-Blog/Direct-Routing-enables-new-enterprise-voice-options-in-Microsoft/ba-p/170450 und der Keynote der Enterprise Connect 2018. Ich werde die Seite weiter pflegen, wie die Funktionen öffentlich werden.

Was ist Direct Routing?

Ich hatte eigentlich erwartet, dass das Produkt "SIP Trunk for Teams" oder "Bring your own Trunk" o.ä. benannt werden würde. Microsoft hat nun den Namen "Direct Routing" gewählt: Sie können von ihrer eigenen TK-Anlage oder von einem Carrier einen eigenen SIP-Trunk in die Office 365 Cloud schalten lassen und damit sowohl die Rufnummernbereitstellung durch Microsoft als auch die Gebührenabrechnung durch Microsoft umgehen. Microsoft entwickelt diese Möglichkeit aber nicht, weil Sie kein Geld verdienen wollen sondern weil es Umgebungen gibt, in denen die von Microsoft angebotenen PSTN-Funktionen nicht ausreichen. Dazu zählen:

  • Keine PSTN-Verfügbarkeit im Zielland
    Auch wenn Microsoft seine Abdeckung beständig ausbaut und Deutschland seit November 2017 schon mit der Cloud telefonieren kann, gibt es noch sehr viele Länder auf der Erde, die noch nicht ohne lokale Übergänge telefonieren können. Es wird sicher auch Länder geben, wo dies noch lange Zeit aufgrund gesetzlicher Regelungen so sein wird.
  • Koexistenz mit bestehenden TK-Anlagen und Rufnummern
    Kleine und neue Firmen, die in Ländern mit Microsoft Phone System-Abdeckung starten, können natürlich direkt mit und ausschließlich mit Teams telefonieren. Aber was machen Firmen, die lokal eine Telefonanlage habe und nicht alle Anwender umstellen können oder wollen? Hier muss es eine Möglichkeit einer Koexistenz geben. Das gilt insbesondere für Rufnummern, die zumindest in Deutschland immer in "Blöcken" übertragen werden
  • DECT, Aufzüge, Türsprechstellen etc.
    Telefonie wird natürlich nicht nur von Menschen auf PCs genutzt. Andere Endgeräte können sich aber nicht mit Teams verbinden, da Teams keine "Straßen-SIP"-Geräte direkt unterstützt.

Es gibt noch jede Menge weiterer Szenarien, in denen etwas mehr als nur "Teams" benötigt wird. Mit Teams wird das aber alles einfacher und direkter, als dies mit Skype for Business Online bislang gewesen ist. Die Zielgruppen sind also

  • Firmen in Ländern, wo Microsoft keine Telefonie selbst anbietet
  • Firmen, die ihren eigenen Telekom-Provider behalten wollen
  • Firmen die 3rd Party Lösungen über die SBC anbinden wollen

So können Sie auch die Folie von Microsoft verstehen:


Quelle: Teams On Air: Ep. 65 Direct Routing for enterprise voice in Microsoft Teams https://www.youtube.com/watch?v=VAF4iFB24Mo

Auch hinsichtlich der Lizenz und erforderlichen Pakete ersetzt Direct Routing den Microsoft Calling Plan

Teams On Air: Ep. 65 Direct Routing for enterprise voice in Microsoft Teams
https://www.youtube.com/watch?v=VAF4iFB24Mo

So funktioniert Direct Routing

Auf der Seite https://techcommunity.microsoft.com/t5/Microsoft-Teams-Blog/Direct-Routing-enables-new-enterprise-voice-options-in-Microsoft/ba-p/170450 hat Microsoft eine erste Grafik veröffentlicht. Der Schwerpunkt liegt dabei natürlich darauf, wie TK-Provider und Carrier ihre Kunden mit einem SIP-Trunk zu Microsoft versorgen können. Das ist wichtig für all die Länger, in denen Microsoft selbst keine Rufnummern bereitstellen kann. Aus meiner Sicht ist aber speziell für den deutschen Markt die Variante viel interessanter, bei der Firmen ihre TK-Anlage für einen Teil der Anwender nutzen und der andere Teil mit Teams in der Cloud arbeitet und lokal telefoniert. Das Bild sieht dann etwas anders aus:

In meinem Bild ist die TK-Anlage in der Mitte noch vorhanden. Der klassische deutsche Mittelstand hat nun mal eine gewachsene TK-Welt die mit DECT-Telefonen, Aufzügen, Türstationen, und vielen anderen "Sondergeräten" nicht so einfach abzulösen ist. Da nun auch die TK-Provider aus Kostengründen auf VoIP setzen, sind einige Anlagen entweder direkt per SIP schon an das Amt angebunden oder Sie nutzen ein Gateway bzw. Session Border Controller (SBC), um die externe VoIP-Verbindung intern entsprechend umzusetzen.

Dieser vorhandene SBC oder ein eigener SBC ist der Schlüssel zur Anbindung an Teams in der Cloud. Microsoft bietet dazu einen SIP-Zugang in der Cloud an, über den zertifizierte Gateways (Aktuell wohl Audiocodes und Ribbon (vormals Sonus/NET) oder entsprechenden Carrier (ThinkTel in Kanada ist schon auf der Liste) eine Verbindung aufbauen können. Noch ist nicht viel zu den technischen Details öffentlich und ob z.B. auch ExpressRoute als WAN-Link genutzt werden kann. Ich gehe aber mal davon aus, das Microsoft das gleiche Prinzip verwendet, mit dem schon OCS, Lync und Skype for Business arbeiten.

  • Die Authentifizierung dürfte wieder über Zertifikate erfolgen
    d.h. der SBC muss ein von der Cloud als vertrauenswürdig angesehenes Zertifikat nutzen.
  • Als Port wird dann 5061 oder 5067 zu erwarten sein.
    5061 ist verschlüsseltes SIP und 5067 kennen die UC-Administratoren schon vom Mediation Server
  • Public-IP
    Da es ein direkter SIP-Trunk zwischen zwei Endpunkten ist und RTP bidirektional aufgebaut wird und weder STUN noch TURN zu erwarten sind, wird der eigene SBC eine öffentliche IP-Adresse brauchen.
  • Rufnummern mit E.164
    Ich verfolge schon heute den Ansatz, dass alle Rufnummern immer als E.164-Format gesendet werden und ich nicht auf dem Mediation Server die Rufnummern konvertieren muss. ich bin gespannt, welche Normalisierungsregeln es für den SIP-Trunk in Teams geben wird.

Dies sind aber alles erst mal nur Vermutungen und letztlich warten wir alles auf die öffentlichen Spezifikationen zur Anbindung an Teams.

Konfiguration

Die Konfiguration des lokalen SBCs obliegt natürlich ihnen oder ihrem Dienstleister. Hier wird Microsoft vermutlich nur vorgeben, wie die Anrufe mit Teams signalisiert und per RTP übertragen werden. Um die Normalisierung von Rufnummer, eventuell erforderliches Transcoding von Codecs, Zertifikate und Firewall-Freischaltungen und andere Dinge müssen sich sich selbst kümmern. In der Cloud stellt Microsoft einige System als Gegenstellen zur Verfügung.

Hinweis: Es gibt eine Liste der zertifizierten Session Border Controller. Nur mit diesen Gegenstellen wird die Funktion getestet und supportet. Da Teams kontinuierlich weiter entwickelt wird, sind sie gut damit beraten sich auf diese Systeme zu beschränkten. Andere SIP-Trunks "können" gehen" aber es gibt mehr als nur ein "Anrufe". Auch Halten, Vermitteln, Umleiten es sind nur ein paar der Testfälle.

Provider als Anbieter

Die Funktion "Direct Routing" eignet sich natürlich auch wunderbar für SIP-Trunk-Provider, um ihre Kunden weiterhin per Telefonie zu versorgen aber nun die Signalisierung über Teams abzuwickeln. Hierbei gibt es auch wieder die beiden Möglichkeiten der Umsetzung:

Topologie Vorteil Nachteil

SBC beim Kunden

Der Provider stelle einen SBC beim Kunden auf, und baut den SIP-Trunk vom Provider zum Kunden-SBC auf. Ein zweiter SIP-Trunk wird dann vom Kunden-SBC zu Teams eingerichtet.

  • Benutzer im LAN können per RTP direkt mit dem SBC telefonieren ohne Office 365 als Relay zu nutzen.
  • Am SBC können TK-Anlagen, DECT und analoge Endgeräte angebunden werden.

  • Eigener SBC beim Kunden, d.h. Hardware, Platz, Anbindung, Wartung, Bandbreite
  • Bandbreite zum Kunden und zum Internet
  • Längere Latenzzeit für Anwender, die nicht im LAN sind

Trunk durch Provider

Speziell, wenn der Kunde gar keine lokale Infrastruktur möchte oder braucht, ist ein SIP-Trunk vom Provider zu Teams interessant

  • Keine lokale Hardware

  • Keine eigenen lokalen TK-Fremdsysteme.
  • Sonderlösungen für z. B. FAX

Speziell für kleinere oder "digitale" Firmen ist natürlich die zweite Option ohne lokale Geräte interessant. Wobei hier auch die Option "Rufnummer von Microsoft" zu überlegen ist. Das ist dann eine Kostenrechnung. Aktuell kenne ich aber noch keine Anbieter in Deutschland, die so einen Weg aktiv anbieten. Technisch ist es einfach, da der Anbieter ja dann einfach bei sich ein Gateway von Audiocodes oder Ribbon aufbauen müsste, um für den Kunden den Link anzubieten. Allerdings gibt es schon die ersten Anbieter, die Sie bei der Einrichtung der ersten Option.

Sie können natürlich auch Net at Work oder andere qualifizierte Firmen beauftragen, einen SIP-Trunk zwischen ihre vorhandenen oder neu einzurichtenden TK-Anbieter und Teams einzurichten.

Einschätzung

Auch wen aktuell noch kaum Informationen dazu öffentlich sind, ist das Thema schon elektrisierend. Eröffnet sich doch so sehr einfach ohne große Server ein Weg, Telefonie mit Teams in vielen Ländern und mit unterschiedlichen lokalen TK-Konfigurationen bereit zu stellen. Schade eigentlich, dass eine solche Lösung nicht auch mit Skype for Business Online möglich gewesen ist. Es könnte zudem interessant werden, denn die Hersteller des SBC z.B. auch den Präsenzstatus an die lokale TK-Technik übertragen könnte, Funktionen wie Parallelanruf (DualRing), Media Bypass, QoS etc. ermöglicht und Fremdgeräte mit einbindet.

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