Cloud - Abruptes Ende

Nicht erst seit Office 365 redet die ganze Welt von der Cloud. Eigentlich wird schon die MSXFAQ selbst seit über einen Jahrzehnt quasi "in der Cloud" betrieben. Nichts anderes ist ja das Hosten von Anwendungen bei einem Provider. Auch ihr Postfach bei web.de oder GMX ist eine Cloud-Anwendung. Insofern ist das nichts neues. Interessant wird das ganze aber, wenn man Begriffe wie langfristige Verfügbarkeit und die sicher zukünftig erforderliche Migration betrachtet. Es gibt nämlich auch einige Dienste, die es schon heute nicht mehr gibt, obwohl diese vielversprechend gestartet sind.

Bitte missverstehen Sie meine Aussage nicht als "Miesmacher" oder Berufsskeptiker.
Es ist ein Unterschied, ob eine Dienstleistung mit Vertrag "gekauft" wird oder kostenfreie Dienste genutzt werden. Aber die Einführung einer neuen Plattform, sei es nun selbst betrieben oder in der Cloud ist nur der Anfang. Die Frage nach einem späteren Wechsel, also Migration zu einem anderen Ziel, muss durchaus gestellt werden.

Schluss mit Office 365

Office 365 ist ein kommerzielles Angebot von Microsoft an Firmen und durch Verträge reglementiert. Damit sollten sowohl Microsoft als auch Sie als Kunde eine gewisse Klarheit über die Bereitstellung der Funktionen und der Rechte und Pflichten haben. Hier ist auch geregelt, wie eine Beendigung eines Vertragsverhältnisses aussieht und wie mit den Daten beim Anbieter umgegangen wird. Microsoft hat dies auch schön dokumentiert


Quelle: What happens to my data and access when my Office 365 for business subscription ends?
https://support.office.com/en-us/article/What-happens-to-my-data-and-access-when-my-Office-365-for-business-subscription-ends-4436582f-211a-45ec-b72e-33647f97d8a3

Insofern ist hier zumindest für den Informierten gewerblichen Vertragspartner keine Überraschung zu erwarten. Es gibt zudem durch das Vertragsverhältnis auch benannte Ansprechpartner, die im Rahmen einer geregelten Korrespondenz informiert werden können.

Anders sieht es natürlich bei allen anderen "Cloud"-Angeboten an, die sie als Person einfach mal so nutzen können oder mit einem Produkt mitkommen. Viele Haushaltsgadgets (z.B. Netamo Thermometer, verschiedene Energiemesser, digitale Bilderrahmen) nutzen wie selbstverständlich Cloud-Dienste, die der Anbieter meist vorkonfiguriert und kostenfrei und ohne expliziten Vertrag mit integriert. Dieses Businessmodell funktioniert aber nur solange, solange Neuverkäufe für Einnahmen sorgen. Mit einem Abschwächen erkennen Anbieter aber sehr schnell, dass Sie diese Dienste für Bestandskunden nicht länger kostenfrei kostendeckend bereitstellen können. Wenn hier ein Anwender den Wechsel auf ein "Pay per Use"-Modell nicht schafft, z.B. weil er gar keinen Kommunikationskanal zum Verbraucher hat, wird irgendwann den noch verblieben Gewinn einstreichen und den Dienst beenden. So ist es schon

End of Cloud

Ich selbst habe schon mehrere Dienste persönlich "verloren", die ich gerne weiter genutzt hätte. Bislang haben sich die Dienste zumindest per Mal 1-3 Monate vorher angekündigt. Ich hoffe, dass zumindest die "Firmenangebote" hier eine deutlich längere Vorlaufzeit gewähren.

Die Praxis zeigt aber, dass selbst gekaufte Produkte mit einer Laufzeit von 1 Jahr nicht davon gefeit sind, die Cloud-Komponente einfach zu verlieren. Natürlich ohne ausreichend lange Vorlaufzeit oder Kostenerstattung.

  • Lexware "Unternehmenstresor"
    Kunden der Lexware Produkte konnten z.B.: eine Kopie ihrer Buchungsdaten und andere "Firmeninformationen" auf einem Cloudspeicher ablegen. Am 3.März 2016 kam dann eine Mail, das dies ab Juli 2016 (also gerade mal 3 Monate Restzeit) abgeschaltet wird.

    Zuerst heißt es aber nur, dass die "Weiterentwicklung und Pflege" eingestellt wird. Dann, dass am 1. Juli 2016 der Dienst nicht mehr zur Verfügung steht. Erst weiter unten wird dann explizit davon geschrieben, dass am 1. Juli 2016 die Daten gelöscht werden. Dafür, dass diese Funktion Bestandteil in einem gekauften Produkten enthalten war, ist die Geschwindigkeit erstaunlich. Schließlich nimmt Lexware dem Käufer eine zugesicherte Funktion weg. Ich hätte verstanden, wenn es mit der nächsten Version, die immer zum Jahreswechsel kommt, verstehen können. aber nicht mitten im Jahr. Ich vermute aber nicht, dass Lexware den Kunden einen Teil der Kosten erstattet oder im kommenden Jahr das Update verbilligt.
    Nur gut, dass ich diese 100 MB "Cloudspeicher" nie wirklich genutzt habe.
  • Barracuda Backup in der Cloud - Copy.com und CudaDrive
    "A message from Rod Mathews, VP & GM, Storage Business, regarding the Copy/CudaDrive EOL " https://blog.barracuda.com/2016/02/01/message-from-gm-of-storage/
    In einem Bog-Post Anfang Februar 2016 gibt Barracuda das Ende zum 1.Mai bekannt. Angeblich habe man Millionen von Nutzern und die haben nun gerade mal 3 Monate Zeit ihre Daten woanders hin umzuziehen. Man möge doch mittels dem Cloud-Dienst "mover.io" die Daten z.B. auf OneDrive umziehen, wie eine Beschreibung auf https://techlib.barracuda.com/COPY/MoveData in Bildern zeigt. Ich nutze den Dienst nicht aber für mich ist das wieder ein Zeichen, dass Sie immer einen Plan-B in der Hinterhand haben sollten.
    Für den Fall, dass Barracuda auch noch das Blog und den KB-Artikel entfernt verlinke ich hier noch mal den passenden Heise-Artikel.
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Barracuda-gibt-Cloud-Dienste-Copy-com-und-CudaDrive-auf-3089982.html
  • Telefonie für Office 365
    Firma seit Jan 2014 nicht mehr aktiv
    Siehe auch Hybrid Voice
    Vor einigen Monaten hat Jajah sich als "einzige Lösung" für Voice in Office 365 hingestellt. Ich weiß nicht, warum Microsoft dieses Experiment überhaupt mit einem relativ unbekannten Partner gewagt hat aber als ich heute (5. Jun. 2013) den Status geprüft habe, fand ich folgendes:

    3 Monate sind ganz schön wenig, um eine TK-Umgebung auf eine andere Plattform zu ziehen.
  • Google
    Auch der große Dienstanbieter ist sich nicht zu schade, bestimmte Funktionen plötzlich wieder abzuschalten. Laut "Winder Cleaning 2012" (Siehe http://googleblog.blogspot.de/2012/12/winter-cleaning.html#!/2012/12/winter-cleaning.html) wurde mal eben verkündet, dass gerade mal 45Tage später sie keine ActiveSync (Google Sync) Partnerschaften mehr einrichten können. Nur Business-Verträge funktionieren weiter. für private Nutzung scheitert danach eine Neueinrichtung. Nebenbei erwischt es aber auch noch SyncML ud die Nokia S60 Synchronisation.
  • ePost
    Nein nein, ich meine nicht die "neue" EPost der heutigen Post, sondern das gleichnamige Angebot der Bundespost im Zeitraum 2000-2004 (?), welches als "lebenslange" E-Mailadresse beworben wurde
  • Framechannel
    Da kauft man sich einen netten Bilderrahmen (Siehe ls1000w) der unter anderem Bilder einfach unter framechannel.com auslesen kann um knapp 2 Jahre später zu erfahren, dass dieser Dienst nicht mehr angeboten wird. Sollte die Online-Funktion dieser Box so schnell obsolet geworden sein ?

Bilderrahmen, die keine Konfiguration der URL zulassen sind zukünftig nicht mehr auf meiner Liste J

  • Speicherdienst Wuala von LaCie
    https://support.wuala.com/de/2015/08/wuala-stellt-betrieb-ein-3/ 
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Cloud-Speicher-LaCie-stellt-Speicherdienst-Wuala-ein-2781782.html
    Am 17. August 2015 angekündigt, am 30. September "ReadOnly" und am 15. November werden die Daten gelöscht. Da hilft es auch nicht, wenn man als Abonnementkunde sogar bezahlt hat. Generös wird dann das Geld zurück überwiesen. Allerdings waren die AGBs schon zur Laufzeit sehr zugunsten den Anbieters formuliert, z.B. dass Sie einfach Daten löschen durften. Es ist aber dennoch wieder ein Beispiel, wie schnell ein Cloud-Dienst beendet werden kann.
  • Kodak Gallery
    ähnlich wie Framechannel" hat auch Kodak seinen Gallery-Service betrieben. Aber auch hier war dann 2012 plötzlich Ende. Interessant finde ich da immer wieder die Leistung des Marketings, solche Vorgänge freundlich zu umschreiben. Schade dass man Gallery nicht weiter nutzen kann aber natürlich geht das Geschäft unter der Marke, "der sie vertrauen und die Sie lieben" weiter.
  • Windows Marketplace 6.5
    Sind meine Windows Mobile 6.5 Telefone schon so überholt ? Sicher, man kann auch weiter damit installieren und über USB seine Programme installieren, aber wie sieht das in ein paar Jahren mit Windows Phone 7 aus, wenn Windows Phone 8 etwas 2 Jahre alt ist ?. Da ist der Weg per USB verbaut.
  • MegaUpload.com
    Ich selbst habe diesen Dienst NICHT genutzt, aber es gibt andere Dienste, die als "Austauschplattform" für mittlere und größere Dateien ganz gut geeignet sind. Microsoft Live Spaces, Goggle aber auch dedizierte Filesharer haben durchaus ihre Funktion. Ich selbst habe schon größere Archive über den Weg mehreren Personen zum Download angeboten. (alles legal, da es meine Daten waren). Aber was machen Personen, die tatsächlich Daten (gerne auch verschlüsselt) auf solch einem Dienst (auch gegen Gebühr) geparkt haben ?.

    Selbst wenn viele Personen solch einen Dienst vielleicht für illegale Dinge genutzt haben, die ich sicher nicht unterstütze noch gut heiße, so hätte ich es lieber gesehen, wenn z.B. zumindest die Dateien von "zahlenden" und identifizierten Nutzern nicht betroffen gewesen wären. für mich bedeutet dies, dass ich alle Daten in meinen Cloud-Spaces" auf jeden Fall auch noch lokal vorhalte.
  • Logitech iTouch
    Aber auch Hardware kann davon betroffen sein. Früher hat Logitech eine SoftwareNamens iTouch vertrieben um Kurztastenbelegungen auf dem Keyboard bei Logitech zu speichern. Und auch dieser Dienst wurde wieder eingestellt
    Logitech® iTouch™ wird eingestellt
    http://www.logitech.com/de-de/products/keyboards/articles/4488
    Hier funktioniert die Software allerdings weiter. Nur die auf itouch.logitech.com oder myitouch.com gespeicherten "Persönlichen Einstellungen" sind weg gefallen.
  • OnLive- Game Streaming Dienst
    Auch die Gamer erwischt es mal wieder, wenn ein "Großer" einen kleinen aufkauft und innerhalb weniger Wochen dicht macht.
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Sony-kauft-Cloud-Gaming-Dienst-OnLive-und-macht-ihn-dicht-2595895.html

Migration

Die Wege einer Überführung der Daten in solchen Fällen sind wohl sehr individuell. Bei Privatkundenangeboten wird man vielleicht noch die Change habe, seine Daten zu exportieren. Wobei auch hier die Zeitfenster oft erschreckend kurz sind. Zwischen der Meldung von Framechannel und der Abschaltung des Dienstes lagen gerade mal 2 Monate. Und wenn ein kleinerer Wettbewerber quasi aus dem Markt geht, dann werden die großen Anbieter eher keine MigrationsUnterstützung leisten. Ein Move zum Wettbewerber lohnt sich für einen Anbieter immer nur wenn genug Masse bei der Quell da ist. Selbst Microsoft hat mit Exchange 2007 die Migration von GroupWise und mit Exchange 2010 sogar die Notes Transporter Suite abgeschafft.

Cloud für ...

Aber ich möchte die Cloud nicht generell schlecht reden. Sie hat ihre Daseinsberechtigung und ich denke es gibt sogar ein perfektes Beispiel, wo eine Cloud-Lösung für alle Beteiligten interessant sein kann. Ich befürchte nur, dass diese Lösung noch viel zu lange benötigen wird bzw. von verschiedenen Lobby-Organisationen verzögert oder torpediert wird.

Deutschland ist ja ein Lande der "Mittelständler" und "Kleinfirmen", die alle regelmäßig ihrer Buchführungspflicht nachgehen und Steuererklärungen abgeben müssen. Aber auch jeder Arbeitnehmer, der etwas "Nebenbei" macht oder absetzbare Ausgaben hat, muss zumindest einmal im Jahr seine Lohnsteuererklärung bzw. Einkommensteuererklärung abgeben. Dazu kommen jede Menge Selbständige wie ich, die eine recht überschaubare Buchführung machen aber auch hier jeden Monat ihre umsatzsteuervoranmeldung erstellen. Wer das nicht mit Papier und Bleistift und der Formulareingabe mit Elster macht, wird auch hier eine Software einsetzen, die regelmäßig zu aktualisieren ist.

Das unser Finanzamt und Steuerbehörden eh sehr tiefe Einblicke in alle Buchungsvorgänge nehmen dürfen könnte man das Notwendige doch gleich mit dem Nützlichen verbinden und das Finanzamt als "Hoster" für die Buchhaltung auftreten lassen. Als Steuerzahler stelle ich mir das so vor, dass ich mich auf einem Portal per Browser anmelde und einfach meine Belege erfasse, wann diese eintreffen. In der ersten Stufe könnte das also für die Einkommensteuer/Lohnsteuer passieren. Mehr oder minder auf den Tag genau könnte jeder seine Belege erfassen. Das Formular müsste dann einfach eine Auswahl zur Klassifizierung vorgeben. Ich müsste am Ende des Jahres also gar keine Steuererklärung mehr abgeben, weil das Finanzamt alle Daten schon hat und aktuell berücksichtigen kann. Es könnte sogar anhand der Daten gegenprüfen, dass die Belege korrekt zugeordnet sind.

In der zweiten Stufe könnte diese Funktion sogar die Buchhaltung für Selbständige und kleine Betriebe übernehmen. Ich erwarte nicht, dass das Portal gleich Komponenten wie Warenwirtschaft, Lagerverwaltung, Angebotswesen etc. beinhaltet. Das bleibt sicher noch ganz lange "lokal" aber wenn ich alle "Eingangsrechnungen" direkt an das Finanzamt einstelle (Sei es per Browser für wenige Belege oder meine Buchhaltungssoftware bei größeren Volumen), dann müsste ich gar keine umsatzsteuervoranmeldung mehr abgeben, da auch hier das Finanzamt schon alles weiß. Und es könnte sogar direkt Ausgangsrechnungen des Lieferanten mit der Eingangsrechnung beim Abnehmer abgleichen. für meine 0-50 Belege/Monat wäre das ein elegantes Angebot.

Wenn wir schon dabei sind, sollte auch das Thema Reisekosten hier gleich mit erschlagen werden. Auch hier will das Finanzamt ja sowie so sehr viel wissen wie die genauen Hotelkosten (bitte getrennt nach Übernachtung, Frühstück etc.) und auch beim Fahrtenbuch gibt es immer wieder Verstimmungen. Würde ich meine "Bewegungen" einfach in einem Portal eingeben, dann wäre eine "Veränderbarkeit" nicht mehr gegeben. Und vielleicht könnte es ja sogar eine entsprechend App für Mobilgeräte geben.

Ob ein Steuersystem dadurch aber gerechter würde sei mal dahin gestellt. Solange es "GestaltungsMöglichkeiten" und "Verhandlungsspielraum" gibt, werden die, bei denen sich "Finanzoptimierer" bezahlt machen, letztlich günstiger weg kommen, als der Durchschnittsbürger. für ein gerechtes Steuersystem ist dies in guter Indikator. Aber ich schweife ab und warte neugierig, ob die Cloud auch unsere Finanzverwaltung erfassen wird. Hoffentlich werden wir Steuerbürger als Anwender auch gefragt. Und vielleicht ist diese Anwendung ja die erste richtige Anwendung für den neuen Personalausweis als Identifizierungsinstanz.

Die Cloud ist nicht allein

Es sind nicht immer nur "Software-Dienste", die mangels Nutzer oder kommerziellem Erfolg eingestellt werden. Hardware kann auch einfach "per Gesetz" unbrauchbar oder sogar illegal gemacht werden. Auch hier hat der  Verbraucher als "Käufer" das Problem, dass sein gekauftes Eigentum zunichte gemacht wird. So passiert mit ganz frühen Funktelefonen (Ehe DECT sich durchgesetzt hat. Aber auch in näherer Vergangenheit frisst z.B. die Mobilfunkkommunikation bislang anderweitig genutzte Frequenzbereiche einfach auf

Und natürlich erwartet heute niemand mehr, dass ein altes C-Netz-Telefon noch Empfang bekommt. Letztlich gibt es für alles eine Lebensdauer und keine Existenzgarantie über viele Jahre. Bei Cloud-Angeboten ist es nur offensichtlich, dass Firmen und Produkte sehr kurzfristig einen Dienst einstellen können. Das wird sicher die größere Herausforderung an kommerzielle Anbieter: Die Sicherstellung einer Restlaufzeit ab dem Moment des Kaufvorgangs.

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