Exchange vs. Open Source ?

Es ist ja nun doch bekannt, dass ich Exchange relativ gut kenne und vielleicht ist das ein Grund, warum mich immer wieder Fragen zur "Vergleichbarkeit" von Exchange mit "Open Source" erreichen. Ich kann aus der Ferne sicher keine abschließende Bewertung liefern, ob und warum Exchange besser ist. Den Vergleich müssen Sie also schon selbst führen oder jemand beauftragen, der ihre Anforderungen aufnimmt und die Produkte für Sie auf die Eignung bewertet.

Eine Frage könnte sein:

Heute Nachmittag ist bei uns ein wichtiges Meeting zum Thema "MS Exchange vs. Open Source Lösungen". Ich soll meinen Chef davon überzeugen, dass MS Exchange die bessere Lösung ist. ?

Mal abgesehen, dass die Frage sehr kurzfristig ist kann man die Frage so gar nicht beantworten. Ich kann zumindest nicht ein Produkt "Exchange" mit einer Vertriebsform "Open Source" vergleichen. Ich kann nur Produkte vergleichen also:

um mal eine kleine Auswahl zu nennen. (Siehe auch Exchange Mitbewerber). Die Frage suggeriert natürlich auch, dass der Fragesteller eigentlich schon Exchange haben will oder weiter führen will, während dein Chef die Frage aus Kostenaspekten aufgeworfen hat. Hier darf man nicht mit Funktionen argumentieren, sondern muss die Funktionen einer Lösung einen geldwerten Vorteil gegenüberstellen. Zahlen und Beträge kann man messen, addieren und vergleichen.

Open Source ist besser ?

Wenn Sie prinzipiell glauben, dass Open Source besser ist, dann beantworten Sie mir die Frage, warum das so sein soll. Open Source wird zu oft gleichgesetzt mit:

OpenSource ist eigentlich "gut", da jeder die Quellen überprüfen und so Unklarheiten selbst klären oder Fehler korrigieren kann. Diese Veränderungen machen ein Produkt natürlich auch angreifbar. Bitte achten Sie darauf, dass Sie wirklich vertrauenswürdige Quellen haben und Open Source nicht als "ich kann es von jeder Quelle herunter laden" verwechseln. Es ist sehr einfach, eine Open Source Version etwas zu verändern und über Suchmaschinen etc. zu platzieren. Nicht immer ist in einem Programm auch nur das drin, was die seriösen Entwickler sich vorgestellt haben. Sie sollten daher auch beim Einsatz von Open Source es den Anwendern nicht selbst erlauben, Programme ihrer Wahl zu nutzen, nur weil diese "nichts kostet".

Alle Punkte sind nur zu einem Teil richtig aber bedürfen einer Klarstellung. Open Source beschreibt erst einmal nur den Grundgedanken, dass der Quellcode der Software "offen" ist, d.h. Sie als Anwender können das Programm nicht einfach nur ausführen, sondern sogar den Quellcode einsehen und darauf lernen oder bei Fehlern das Problem einkreisen und sogar dem Entwickler ein Feedback geben. So profitieren Sie davon, dass die Software nicht "verschlossen" ist und sie auf den Hersteller angewiesen sind und das Produkt kann eine Verbesserung durch ihre Feedback erfahren. Sie müssen aber auch die Fähigkeiten (Zeit und Fachwissen) haben, um eben an diesem Prozess teilzunehmen. Linux und dessen verschiedenen Distributionen sind so sehr gut geworden, aber die Minderheit der Anwender traut sich zu, etwas am Source zu ändern oder neu zu übersetzen.

Hinter all den Entwicklern steht aber natürlich ein finanzielles Interesse. Letztlich ist es der Ganz zum Kühlschrank, der einem die Notwendigkeit zum Geldverdienen aufzeigt. Ob das nun als "Spende" erfolgt oder Support gegen Vertrag geleitet wird ist dabei nicht wichtig. Das Produkt kostet vielleicht nichts aber der reine Produktpreis macht bei einer Lösung nur ein Bruchteil der Kosten aus. Sicher kann auch eine Firma ein Produkt "absetzen" oder es wird durch eine Übernahme "ersetzt". Bei Individualpersonen ist es mir aber auch schon passiert, dass ein gutes Produkt einfach aufgrund Todesfall nicht weiter entwickelt wird (Siehe  Proxomitron). Sicherheit ist sehr relativ. Bei Open Source könnte man nun die Entwicklung selbst weiterführen. Aber da sind wir dann beim Geld.

Als Firma (bzw. der Geschäftsführer) muss sich auch immer die Frage stellen: "MAKE or BUY". Oftmals ist es günstiger eine 90% Lösung fertig zu kaufen als lange selbst entwickeln oder aus Komponenten zusammenstellen zu lassen. Ich habe schon viele hochtrabenden Softwareprojekte verschwinden sehen.

Open Source im Firmeneinsatz ist immer dann gut, wenn ich selbst Entwicklungs-Know-how habe oder bereit bin, dafür Geld (eigene Programmierer oder externe Dienstleistung) auszugeben. Und da kann man auch schon einen monatlichen Betrag einplanen. Da ist der Kaufpreis dann schon fast sekundär.

Leider wird auch der Open Source Ansatz immer mehr verwässert, da speziell auch Groupware Anbieter ein Basismodul wirklich "frei" anbiete, aber sobald die Funktionen einer Firma benötigt werden (z.B. Integration in Verzeichnisdienste, Anbindung von Outlook) ist das Produkt natürlich kommerziell. Das ich so auch nicht verwerflich. Damit bewegen wir uns ganz normal im Markt und müssen Vergleichen

Vergleichen von Groupware Lösungen

Ein pauschales "Exchange ist das beste Mailsystem" lasse ich genauso wenige gelten, wie Lobreden auf andere Produkte. Wer sich nicht die Mühe macht, die Anforderungen aufzunehmen, zu gewichten und pro Produkt zu bewerten, kann gar nicht seriös vergleichen. Denkbare Kriterien wären:

Der Aufwand für eine Migration darf nicht unterschätzt werden aber sollte die Wahl für das passende System nur gering beeinflussen. Es gibt immer einen Weg von einem einem System zum anderen System umzustellen und Inhalte zumindest zum großen Teil zu überführen. Die Migration ist aber oft in Tagen oder Wochen erledigt, während der Betrieb über Jahre angelegt ist. Betrachtungen zur Datensicherung, Überwachung, Archivierung etc. habe ich noch gar nicht detaillierter aufgezählt.

Ergebnis ?

Es kann also gar keine Antwort auf dieser Webseite zu einem Vergleich von Exchange mit anderen Produkten geben. Eine solch weitreichende Entscheidung bedarf einer individuellen Betrachtung und Gewichtung.

Aktuell bin ich schon überzeugt, dass dem Gespann Exchange/Outlook so schnell die anderen nicht das Wasser reichen können, auch wenn Sie an einigen Teilen nah heran kommen und teilweise sogar überflügeln. Ich selbst liebe Open Source, hab also überhaupt nichts dagegen und nutze auch entsprechende Produkte (siehe Tools). Bei einigen Projekten bin ich ja selbst aktiv und meine Skripte sind, bis auf einige Ausnahmen, ja auch für jedermann erhältlich.

Aber ich sehe auch die Argumente für "klassische Software". Vielleicht auch schon daran, dass sicher sehr viele Leser die Skripte nutzen aber eine Weiterentwicklung immer an mir bleibt. Anfragen und Wünsche für neue Funktionen werden immer wieder bei mir gestellt aber bislang gibt es nur wenig Leser, die ein Skript selbst weiter entwickeln und mir wieder zur Verfügung stellen. Und bei vielen Open Source Projekten dürfte es ähnlich sein

Die Frage heißt daher nicht "Open Source" vs. "Exchange" sondern Produkt-X vs. Exchange.

Kosten

Oft wird auch mit den Kosten für die ein oder andere Plattform geworben. Open Source scheint auf den ersten Blick "kostenfrei" oder zumindest sehr viel günstiger zu sein. Aber stimmt das ?. Hinter einer Software stehen immer Menschen, die etwas entwickeln und dafür einen Gegenwert erwarten. Zumindest wenn Sie dies im Hauptberuf tun und nicht nebenbei als Hobby Produkte entwickeln, wie andere Briefmarken sammeln. Solche Entwicklungen schaffen es aber auch selten in Firmen, sondern bleiben auf Privatnutzer fokussiert. Professionelle Open Source Produkte werden fast immer von Firmen unterstützt oder betrieben, die natürlich ihre Mitarbeiter genauso bezahlen müssen wie Microsoft und andere Firmen auch. Auch die Preise für Anzeigen in Printmedien dürften nicht unterschiedlich sein. Also stellt sich die Frage, wo wer sein Geld verdient.

Füllen Sie einfach die Tabelle für sich selbst aus

Kriterium Einschätzung Windows/Exchange Open Source
Hardware ähnlich    
Support von Dienstleister ähnlich    
Software Anschaffungskosten Open Source oft günstiger
aber nicht immer kostenlos
   
Laufende Kosten
Administration
Je nach Integration
genauer Vergleich erforderlich
   
Anwendungsnutzen Abhängig von Anwendern
genauer Vergleich erforderlich
   

Eine Verkürzung der Gegenüberstellung auf "OpenSource = 0 Euro : Windows/Exchange = tausende" ist nicht seriös. Aus meiner Erfahrung nach machen die Anschaffungskosten der Software einen geringen Teil der Gesamtkosten (über drei Jahre verteilt) aus. Also bleibt als alleiniges Kriterium der Vergleich der Funktionalität.

Mein Standardvergleich mit dem Auto:

Der Vergleich von Produkten ist eigentlich auch nicht anders, als der Vergleich von Fahrzeugen. Und da die meisten schon mal ein Auto gekauft haben, werden Sie ja wissen, dass der Listenpreis alleine kein Entscheidungskriterium ist. Und Open Source bekommt man nicht geschenkt. 

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